Donnerstag 08. Dezember 2011 // 17:45 Uhr // Hörsaal G (Hörsaalgebäude)

Die modernen Neurowissenschaften scheitern trotz immenser Fortschritte beständig an der Frage nach der Schnittstelle zwischen Gehirn und Geist. Diese Frage nach der Entstehung des (reflexiven und freien) Denkens aus dem physischen Material kann nirgendwo hinführen. Eine im naturwissenschaftlichen Sinne befriedigende Antwort hierauf kann es prinzipiell nicht geben, denn dann müsste das Material die kausale Ursache des Ideellen sein, was das Ideelle als physikalische Wirkung zu einem materiellen Gegenstand machen würde, welcher seiner Bestimmung nach kein Ideelles sein kann.
Die konsequenteste Antwort der Neurophysiologie lautet darum, dass das Ideelle bloßer Schein sei, dem keine Wirklichkeit korrespondiere. Der Geist sei eben nicht reflexiv und frei, sondern eine natürlich determinierte Funktion des Gehirns, die in der Innenwahrnehmung als Bewusstsein erscheine. Diese Annahme ist nicht nur erkenntnistheoretisch widersprüchlich, sondern zudem hoch politisch. Sie erweist sich als eine wirksame Ideologie bestehender gesellschaftlicher Verhältnisse, unter denen die Freiheit tatsächlich kaum mehr als eine nützliche Illusion ist. Die kapitalistische Ökonomie implementiert eine Herrschaftsform, die sich den einzelnen Subjekten gegenüber als blinder Sachzwang darstellt, mit dem mensch irgendwie geschickt umgehen muss. Dieses Verhältnis der Menschen zu ihren gesellschaftlichen Bedingungen wird wahrgenommen als analog zum Verhältnis gegenüber den Zwängen der Naturgesetze. So wird Kritik methodisch unmöglich und es bleibt allein der Weg der Affirmation des  Bestehenden offen.

Eine Veranstaltung mit Dr. phil. Christine Zunke (Psychologie Uni Oldenburg)