Klare Ansage: Studierende wollen Plurale Ökonomik

„Die VWL ist schuld an der Krise!“ – Solche Sätze werden inzwischen sogar von Nobelpreisträger*innen für Wirtschaftswissenschaften geäußert. Je schwerer die Lage der sog. „systemrelevanten“ Banken seit dem Herbst 2008 wurde, desto lauter wurden die Stimmen der Kritik, die der dominanten Volkswirtschaftslehre Realitätsverlust, fahrlässige Marktgläubigkeit und mehr noch vorwarfen. Diese so angestoßene Welle war für viele Studierende das Ventil, dem schon lange an ihrer Fakultät gärenden Unmut über den Zustand ihres Faches Luft zu machen. Und wie war die erste Reaktion? Die Studierenden wollen sich bloß vor der Mathematik drücken und irgendwelche Utopien an der Uni behandeln! – So lauten meist auch die Vorwürfe renommierter Professor*innen. Dabei geht es um grundlegendere Dinge: Die Studierenden fordern zunächst lediglich stärkeren Austausch mit anderen Disziplinen, Methoden- und Theorienvielfalt und/oder die Beschäftigung mit der Geschichte des Faches. Um derlei Forderungen durchzusetzen hat sich an deutschen Universitäten das Netzwerk Plurale Ökonomik gebildet, das im September mit einem offenen Brief an die Öffentlichkeit trat.

Das Studierendenparlament der Universität zu Köln hat in seiner Sitzung am Montag den 22. Oktober 2012 beschlossen, diesen offenen Brief im Namen aller Studierenden zu unterzeichnen. Die Gedanken des „Offenen Briefes“ decken sich mit den Bestrebungen zahlreicher studentischer Initiativen, darunter oikos Köln, eines der Gründungsmitglieder des Netzwerks, sowie die AStA-tragenden Hochschulgruppen. Vor allem aber trifft der Brief offensichtlich auch den Nerv vieler unorganisierter Studierender des Faches: etwa ein Zwanzigstel aller 700 Unterzeichnenden des Briefs nannten als Institution die Universität zu Köln. Entsprechend hoch fiel auch die Unterstützung im StuPa aus.

Eine Neuordnung des Faches Volkswirtschaftslehre, wie sie im Brief mit konkreten Alternativvorschlägen gefordert wird, kann positive Wirkungen weit über die VWL hinaus entfalten. Volkswirt*innen, mit ihrer originären Aufgabe über die effiziente Verteilung (Allokation) knapper Ressourcen zu forschen, fungieren mitunter als wichtigste Ratgeber*innen für die Politik. Egal ob es um Klima- und Umweltschutz, Menschenrechte, Verteilungs- oder andere Gerechtigkeitsfragen geht. Die Mittel sind knapp und oft berechnen Volkswirt*innen die Handlungsmöglichkeiten für die Verantwortlichen. Damit tragen Ökonom*innen große Verantwortung für die gesamte Gesellschaft, weshalb der Brief auch im Namen der vollständigen Studierendenschaft unterzeichnet wurde. Es soll aber nicht nur ein Zeichen für die gesellschaftliche Verantwortung der Wissenschaft gesetzt werden. Wir sind ebenso der Meinung, dass Studierende als junge Generation in dieser Frage stärkeres Gewicht haben sollten. Denn sie sind es auch, die langfristig mit den Folgen jener wissenschaftlichen Ratschläge leben werden. Zudem wirkt die Arbeit der Volkswirt*innen freilich nicht nur abstrakt auf die Gesellschaft allgemein, sondern beeinflusst auch konkret die Arbeit anderer Disziplinen, die sich auf die VWL beziehen – und so sind wiederum alle Studierenden betroffen.

Die Unterschrift im Namen aller 44.000 Studierenden ist freilich vor allem symbolischer Natur. Es kommt darauf an, wie viele Studierende und Lehrende auch tatsächlich die Verhältnisse an der Kölner VWL verändern wollen, indem sie immer wieder aktiv werden, Veranstaltungen und Themen vorschlagen, einfordern, belegen, beforschen. Indem sie Strukturen verändern. Wer mitmachen möchte, kann sich gern unter kontakt@oikos-koeln.org melden.

Mit der Unterzeichnung des offenen Briefes spricht sich die Studierendenschaft kollektiv für die folgenden Grundsätze und Forderungen aus:

Grundsätze zur Neugestaltung der Volkswirtschaftslehre

1. Theorienvielfalt statt geistiger Monokultur

Der Schwerpunkt der derzeitigen Lehre und Forschung liegt auf Varianten neoklassischer Grundmodelle. Für Forschung und Lehre jenseits dieser Spielarten ist an deutschen Hochschulen zu wenig Platz. Diese „geistige Monokultur“ schränkt die ökonomische Analyse ein und macht sie fehleranfällig. Wir fordern ein kritisches Miteinander unterschiedlicher Theorien. Die Volkswirtschaftslehre ist eine Sozialwissenschaft und muss – wie andere Sozialwissenschaften auch – vielfältige theoretische Ansätze beherbergen. Vielversprechende, aber derzeit weitestgehend vernachlässigte Ansätze sind beispielsweise: Alte Institutionenökonomik, Evolutorische Ökonomik, Feministische Ökonomik, Glücksforschung, Marxistische Ökonomik, Ökologische Ökonomik, Postkeynesianismus und Postwachstumsökonomik.

2. Methodenvielfalt statt angewandter Mathematik

Die Mathematisierung der Ökonomik hat dazu geführt, dass die Lehre zur angewandten Mathematik verkommen ist. Die Mathematik darf für Ökonom*innen nur ein Mittel und niemals ein Selbstzweck sein. Sie soll Teil eines bunten Fächers an Methoden in Forschung und Lehre der Ökonomik sein. Für die Forschung bedeutet dies unter anderem inter- und transdisziplinäre Fallstudien, Theorienvergleiche, Interviews, Fragebögen, teilnehmende Beobachtung, Simulationsmodelle und Diskursanalyse. Die Lehrmethoden müssen beispielsweise durch plurale Lehrbücher, Kleingruppenarbeit, Projektseminare, inter- und transdisziplinäre Veranstaltungen, Fallstudien sowie das Studium von Primärtexten erweitert werden.

3. Selbstreflexion statt unhinterfragter, normativer Annahmen

Zu oft werden die grundlegenden Annahmen der Volkswirtschaftslehre weder explizit dargelegt noch hinterfragt. Dabei sind diese Annahmen oft nicht nur deskriptiver, sondern auch normativer Natur. Letztendlich wohnen jeder volkswirtschaftlichen Analyse gewisse Werturteile inne. Ihre Reflexion ist ein notwendiger Teil wissenschaftlichen Arbeitens. Besonders die Mathematisierung der Ökonomik führt zu einer Verschleierung der Werturteile und so zu einer vermeintlichen Rationalisierung politischer Programme. Trotz aller Versuche sie durch Mathematik als solche zu definieren, ist die Volkswirtschaftslehre keine Naturwissenschaft.

Des Weiteren müssen Studierende der VWL stärker für die historischen und kulturellen Rahmenbedingungen wirtschaftlichen Handelns sensibilisiert werden. Nur wer sich der Komplexität der Realität bewusst ist, kann wissenschaftliche Modelle richtig anwenden. Nur so besteht keine Gefahr, Modelle mit der Realität zu verwechseln. Hierfür müssen alle Ökonom*innen die Geschichte ihres Faches und die wissenschaftstheoretischen Grundlagen kennen. Lehrveranstaltungen über die Geschichte des ökonomischen Denkens und Wissenschaftstheorie müssen daher Teil des Curriculums sein. Als größte Vereinigung von Wirtschaftswissenschaftler*innen im deutschsprachigen Raum sehen wir Sie in der Pflicht, unsere Kritik ernst zu nehmen und gemeinsam mit uns folgende Forderungen umzusetzen.

Forderungen

1. Theorienvielfalt in Forschung und Lehre.

2. Methodenvielfalt in Forschung und Lehre.

3. Erweiterung des Curriculums um Lehrveranstaltungen zur Geschichte des

ökonomischen Denkens, Wissenschaftstheorie und interdisziplinäre Veranstaltungen.

4. Integration pluraler Lehrbücher in das Studium.

5. Abkehr von Thomson Reuters Impact Factor als alleinigem Maßstab für gute Forschung.

6. Besetzung von mindestens 20 % der Lehrstühle mit heterodoxen Ökonom*innen.

Der „Offene Brief“ kann per Internet [http://www.plurale-oekonomik.de] auch persönlich unterzeichnet werden, was der AStA allen Kommiliton*innen herzlich empfiehlt.

Autoren:

Stefan Holz, Projektleiter im Referat für kritische Wissenschaften und Antidiskriminierung

Wendelin Sandkühler, Vorstand bei der Hochschulgruppe oikos Köln

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