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Antisemitismus und Antiziganismus als Formen negativer Vergesellschaftung

November 12, 2015 @ 7:00 pm - 9:00 pm

„Die Juden sind die heimlichen Zigeuner der Geschichte“, schrieb Theodor W. Adorno in einem Brief an Max Horkheimer. Die Gedanken, die Adorno um diese These herum entfaltet, erschienen ihm „so waghalsig“, dass er sich nicht traute, sie jemand anderem als Horkheimer zu zeigen. Dennoch konnte er sich des Gefühls nicht erwehren, mit diesen fragmentarischen Überlegungen ein wichtiges Motiv erkannt zu haben, das eine „zugleich einheitliche und nicht rationalistische Erklärung des Antisemitismus“ erlaubt.
Was Adorno erkannt zu haben meinte, betrifft unweigerlich auch eine erst noch auszuformulierende kritische Theorie des Antiziganismus: archaische Züge, die ihre Ursache in einem sehr frühen Stadium der Geschichte der Menschheit haben. Das Aufgeben des Nomadentums, die mit dem Sesshaft-Werden zusammenfallende Arbeit und aller damit verbundene Triebverzicht, sei eines der schwersten Opfer gewesen, das die Geschichte der Menschheit auferlegt habe. Das Bild der Juden als Zigeuner der Geschichte, damit das Bild der Zigeuner überhaupt, repräsentiert das eines Zustands der Menschheit, der die Arbeit nicht gekannt hat; Zigeuner gelten als diejenigen, die den schmerzlichen Prozess der Zivilisation verschmäht oder nur unzureichend vollzogen haben, die sich nicht dem Primat der Arbeit unterwerfen haben lassen. Je mehr die zur zweiten Natur gewordene Welt der Sesshaftigkeit, als eine der Arbeit, die Unterdrückung reproduziert, desto mehr scheinen sich die Zivilisierten den Gedanken an einen nomadischen Zustand des Glücks, so unglücklich dieser selbst auch sein mag, nicht mehr erlauben zu dürfen und die sich im Bild der Zigeuner andeutende Erinnerung verbieten zu müssen.
Im Vortrag soll zumindest fragmentarisch in einigen Thesen angedeutet werden, dass der Antiziganismus nicht in der wie verzerrt auch immer wahrgenommenen Lebensrealität der Sinti oder Roma wurzelt. Im Anschluss an Franz Maciejewskis psychoanalytische Überlegungen soll der Antiziganismus auf den Begriff gebracht werden: als ein Antiziganismus ohne Sinti oder Roma – nicht jedoch ohne Zigeuner. Der Begriff des Zigeuners kann kritischer Theorie daher nicht etwa Anlass sprachpolitischer Interventionen sein, sondern gilt ihr vielmehr als Einstiegspunkt für eine zu reflektierende Urgeschichte des Antiziganismus; eine Urgeschichte der Gattung, die noch in jeder individuellen Entwicklung wiederholt wird. So wird sich herausstellen, dass der Zigeuner kein Konstrukt ist, sondern vielmehr Produkt des Zivilisationsprozesses, das sich im Unbewussten der Subjekte niedergeschlagen hat. Der Zigeuner wäre somit der Deckname für in die Außenwelt projizierte, dem Bewusstsein verborgene, tabuisierte und verleugnete Selbstanteile der Antiziganer; und der Antiziganismus wäre der niemals endende Versuch, am Objekt der Projektion die eigenen zivilisatorischen Zurichtungen nachzuahmen und zu vollenden.

Nico Bobka studierte Soziologie in Berlin und Politische Theorie in Frankfurt. Er ist Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe „Die Frankfurter Seminare Theodor W. Adornos“ am Frankfurter Institut für Sozialforschung und veröffentlichte im Sommer 2015 zusammen mit Dirk Braunstein das IfS Working Paper „Die Lehrveranstaltungen Theodor W. Adornos. Eine kommentierte Übersicht“.

Eine Veranstaltung des Bündnis gegen Antisemitismus Köln und des AStA der Universität zu Köln, unterstützt von der Amadeu Antonio Stiftung und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Bonn.


Details

Datum:
November 12, 2015
Zeit:
7:00 pm - 9:00 pm
Webseite:
http://www.asta.uni-koeln.de/events/aktionswochen-gegen-antisemitismus/

Veranstaltungsort

Hörsaal V, Hauptgebäude (Gebäude 100)

Albertus-Magnus Platz 1

Köln,

50931

+ Google Karte

Veranstalter

Politikreferat
Telefon:
0221 – 470 2612
Webseite:
http://www.asta.uni-koeln.de/referate/politikreferat/


Details

Datum:
November 12, 2015
Zeit:
7:00 pm - 9:00 pm
Webseite:
http://www.asta.uni-koeln.de/events/aktionswochen-gegen-antisemitismus/

Veranstaltungsort

Hörsaal V, Hauptgebäude (Gebäude 100)
Albertus-Magnus Platz 1
Köln, 50931
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Telefon:
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Webseite:
http://www.asta.uni-koeln.de/referate/politikreferat/