Wie sicher inzwischen die meisten von euch mitbekommen haben, hat die Universität am 10. März eine Warnung verschickt. In ihrer Mail droht sie harte Konsequenzen an für jene, die bei den Online-Prüfungen beim Schummeln erwischt werden. Für einzelne bedeutet dies im Zweifel mehr als “nur” einen Täuschungsversuch, doch für ihre KommilitonInnen steht sogar die Annullierung der Prüfung auf dem Spiel.

Es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass die Universität diese Mail nicht anlasslos verschickt hat. Es gab einzelne Prüfungen, bei denen sich zum Teil mehrere Dutzend oder gar Hunderte Studierende abgesprochen haben, um die gestellten Aufgaben in perfekt orchestrierter Gruppenarbeit gemeinsam zu lösen. In dieser Dimension ein Novum, doch mit einer Schuldzuweisung an die Studierenden ist es nicht getan.

Man muss sich fragen: Wie war das überhaupt möglich?
Unsere Antwort darauf: Schlecht gestellte Klausuren laden nicht nur zum Schummeln ein, sie provozieren es regelrecht. Dass auf immer umfangreichere Prüfungen mit immer mehr Gruppenarbeit reagiert wird, wird seitens der Lehrstühle verkannt. Darunter leiden natürlich gerade die ehrlichen unter euch. Mit den Möglichkeiten der Digitalisierung hätte man dem begegnen können, denn die Erfahrung zeigt: Prüfungen mit randomisiertem Fragepool lassen sich auch mit großen Gruppen nur schlecht gemeinsam lösen. Mindestens für die Zeit der digitalen Lernerfolgskontrolle hat die “klassische” Klausur ausgedient, eine auf Präsenz ausgerichtete Prüfung lässt sich offenkundig nicht eins zu eins ins digitale übersetzen. Es ist an der Zeit, andere Konzepte zu Entwickeln, denn zu einer Situation, wie sie in dieser Prüfungsphase stattgefunden hat, wäre es mit gut gestellten Klausuren oder anderen Prüfungsformaten nicht gekommen.

Die Uni ist gefordert, in Zusammenarbeit mit uns eine dringend notwendige Reform des Prüfungswesens an der Uni anzustoßen. Ein Prüfungswesen, welches nicht jedes Jahr aufs neue bloß stumpfe Abfragen von Lehrinhalten bietet, sondern echten Lernerfolg messen kann. Wir wollen weg vom Problemfall, hinein in eine Vorreiterrolle!

Doch auch wenn wir die Universität in die Pflicht nehmen und uns für euch stark machen:
Wenn ihr überlegt, in einer solchen Gruppe zu schummeln, können wir nur raten: Lasst es bleiben! Wir wissen, dass das letzte Jahr unfassbar mies lief und wie verlockend das Schummeln gerade wäre. Wir wissen, wie die mentale Gesundheit im letzten Jahr gelitten hat und eure Belastbarkeit auf die Probe gestellt wurde, uns geht es genauso. Neben der moralischen Fairness euren Mitstudis gegenüber kann man aber auch ganz eindeutig sagen, dass ihr euch mit dem Schummeln selbst schadet. Verschiedene Personen und Gruppen lassen zwar das Gerücht kursieren, dass das Annullieren von Prüfugnen rechtlich fragwürdig sei, doch das ist falsch. Diverse Urteile haben bestätigt, dass eine Uni nicht nur die Möglichkeit hat, eine Prüfung zu annullieren, sondern teilweise sogar in der Pflicht dazu ist. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn eine so schwerwiegende Anzahl an Täuschungen vorliegt, dass man nicht mehr zwischen erfolgreichen und durchfallenden Studis unterscheiden kann, oder anders gesagt: Wenn die Prüfung nicht mehr ausreichend den Lernerfolg messen kann, hat sie ihr Ziel verfehlt.

Wir danken den Fachschaften, die sich ganz bewusst in die schwierige und unbequeme Position begeben haben und an eure Solidarität und Fairness appellieren, um euch und eure Mitstudis vor Schaden zu bewahren. Wir, die Fachschaften und alle eure VertreterInnen in den Gremien arbeiten durchgehend mit verschiedenen Stellen der Universität zusammen, um einen positiven Ausgang für so viele von euch wie möglich zu erreichen.

Solltet ihr Bedenken wegen euren Prüfungen haben, wendet euch an euren Prüfungsausschuss! Je mehr Studis sich melden, desto eher wird hoffentlich die Notwendigkeit offensichtlich, dass sich etwas ändern muss.

In der Zwischenzeit werden wir wie bisher konstruktiv mit der Uni zusammenarbeiten, um so viele Prüfungen wie möglich zu retten. Und es gilt, was schon längst wahr ist: Prüfungsformen an der Uni reformieren!