Alternativen Denken – Sag mir, wo du stehst…

„The fundamental cause of the trouble is“, sagt Bertrand Russell, „that in the modern world the stupid are cocksure while the intelligent are full of doubt.“ Selbst diejenigen unter den Vernünftigen, die glauben ein allgemeines Anliegen zu vertreten, seien zu eitel, um sich mit anderen zu einigen und zur Tat zu schreiten.

Das erstgenannte Problem ist in der Gegenwart allgegenwärtig. Es hat mit dem Unwort „Gutmensch“ sogar Eingang in die Sprache gefunden: Selbstigkeit wird zu Realismus und damit zur Tugend verklärt, der dann als Laster Zweifel und Streben nach Gerechtigkeit gegenübergestellt wird.

Ob aber auch wir heutigen Studierenden den Vorwurf verdient haben, zu eitel zu sein, um etwas zu bewegen, sei dahin gestellt. Wir sollten Russells Diktum vielmehr als Herausforderung begreifen. Denn dass wir genau so sein werden, ist nur eine Möglichkeit. Es gibt noch eine andere. Die Möglichkeit, die Herausforderung an unsere Generation anzunehmen, d.h. gerade zu denjenigen zu werden, die zur Tat schreiten.

In diesem Sinne möchte der AStA seinen Beitrag leisten, und hat daher erneut die Ringvorlesung „Alternativen Denken“ organisiert.

Im ersten Teil der Vorlesung, wird die Frage behandelt werden, was gute Wissenschaft leisten muss, und welche Verantwortung wir übernehmen, wenn wir einen Beruf in Forschung und Lehre ergreifen. Hierzu werden sowohl philosophische Standpunkte wie z.B. von Bertolt Brecht, also auch Probleme aus der Praxis behandelt.

Die Vorlesung findet im Hörsaal 369, IBW-Gebäude an der HumF statt. Jeweils Donnerstags ab 17:45 Uhr.

Terminübersicht :

1) 12. April 2012 – Torsten Bultmann (BdWi)

Ungleichheit als Programm – zur Kritik der sog. „Exzellenzinitiative“

Im Juni 2012 fallen die Förderentscheidungen für die 2. Runde der sog. „Exzellenzinitiative“. Dabei geht es um insgesamt 2,7 Milliarden Euro. Dieses Programm wird von seinen Verfechtern als historischer Paradigmenwechsel inszeniert: Weg von der Idee der grundsätzlichen Gleichwertigkeit aller Universitäten – hin zu einer ausdrücklich gewollten Ungleichheit in der Leistungsbewertung und Finanzausstattung. Vor dem Hintergrund einer historischen Einordnung des Elitenmotivs in der deutschen Hochschulpolitik sollen im Vortrag deren Widersprüche und kritische Einwände erläutert werden.

2) 19. April 2012 -Dr.-Ing. Peter Brödner (IAT, Gelsenkirchen)

Ingenieurarbeit zwischen professioneller Verantwortung und funktionselitärer Verführung

Einführend werden einige grundsätzliche Aussagen zum professionellen Selbstverständnis von Ingenieuren und zu den Dilemmata zwischen ihren tatsächlichen Funktionen als Arbeitenden und ihrer Verantwortung als gesellschaftlichen Individuen gemacht, in die sie im Berufsalltag geraten (können). Diese Dilemmata werden dann anhand von Beispielen aus dem eigenen beruflichen Arbeitsumfeld erhellt. Abschließend werden handlungsorientierte Schlussfolgerungen gezogen.

3) 26. April 2012 – Prof. Dr. Jan Knopf (KIT, Karlsruhe)

Brechts Galilei zwischen Widerstand und Anpassung

Als Galileo mit seinem Fernrohr die Jupitermonde entdeckte, meinte er, endgültige Beweise für die das kopernikanische System gefunden zu haben, erkannte aber nicht, dass er damit das gesamte Glaubenssystem der Kirche aushebelte, und sogar die soziale Ordnung aus dem Gefüge brachte. Was Galileo tat – einen neuen, bisher unsichtbaren Raum für den Menschen zu erschließen und zu betreten – das war einerseits der Beginn der neuzeitlichen Wissenschaft, aber damit andererseits der Beginn für die Naturwissenschaften als Geheimwissenschaften im Dienste von Privatinteressen.

4) 03. Mai 2012 – Prof. Dr. Dietrich Böhler (Hans-Jonas-Zentrum, Berlin)

In der Gefahrenzivilisation – Verantwortung neu denken

Als die Industriegesellschaften der nördlichen Halbkugel im Jahre 1972 vom Club of Rome die erste drastische Warnung vor den ökologischen Langzeitgefahren des wirtschaftlichen Wachstums und den kumulativen Folgeschäden der technologischen Zivilisation erhielten, waren die Philosophen, die die Ethik hatten verkümmern lassen, auf die neuen Probleme sehr schlecht vorbereitet. Vor diesen Hintergrund entwickelte Hans Jonas seine berühmt gewordene „Ethik der Verantwortung“, die eine bis heute unübertroffene Grundlegung des grünen Gedankens darstellt.

5) 10. Mai 2012 – Dipl.-Päd. Dieter Asselhoven („school is open“, Köln)

Der braune Campus – Die Uni Köln 1933-45

Welch‘ größeren Alptraum könnte es für die kritische Wissenschaft geben, als eine faschistische Universität? Doch es war kein Traum, sondern bittere Realität. Die Eröffnung des damals neuen Hauptgebäudes der Universität zu Köln durch Reichserziehungsminister Bernhard Rust am 5. April 1935 steht sinnbildlich für die Machtergreifung am Katheder. Gleichgeschaltet durch den NS-Dozentenbund und NSDStB, galt nicht mehr die Frage „Warum?“, sondern nur noch „Wie?“ – denn über den Zweck von Forschung und Lehre entschied nunmehr allein der Führer.

6) 14.06.12 – Professor Dr. Eckart Voland (Zentrum für Philosophie, Gießen)

Evolutionäre Anthropologie

Evolutionäre Anthropologie bricht mit der Tradition, den Menschen vom Geist her und den Geist letztlich als frei (oder göttlich) zu verstehen. Stattdessen wird der Mensch mit allen seinen Merkmalen in einem Naturzusammenhang gesehen. Seine Erkenntnisfähigkeit und Moral, seine ästhetische Urteilskraft und Symbolkultur sind deshalb notwendigerweise mit den Implikationen des evolutionären Geschehens behaftet. In dem Vortrag wird es darum gehen, anhand ausgewählter Beispiele die philosophische und weltanschauliche Brisanz dieser Sicht zu erörtern.

8) 21.06.12 – Dr. Thomas Seibert (Rosa-Luxemburg-Stiftung, NRW)

Existenzialismus und Freiheit

Ein alter Herr in Jackett und schwarzem Rolli, von Berufswegen her pensionierter Französischlehrer, der genüsslich Zigarre raucht und weinselig seinen Camus zitiert… So oder so ähnlich ist das Bild, das sich bei den meisten einstellt, wenn sie das Wort „Existenzialismus“ hören. Denn der Existenzialismus wird für gewöhnlich als literarisches Kunstwerk fehlgedeutet.
In diesem Vortrag soll es darum gehen, die sozialen Ideen zu betrachten, die sich aus jenem Menschenbild ergeben, das in der existenzialistischen Verneinung eines Sinns des Lebens seinen Ursprung hat. Kurz: Es geht darum, Ethik und Politik des Existenzialismus kennenzulernen.

7) 28.06.12 – M.A. Uwe Fuhrmann (Friedrich-Meinecke-Institut, Berlin)

Zum Verhältnis von Hegemonie und Pädagogik

Im „Roten Wien“ der 1920er Jahre setzte sich u.a. Otto Felix Kanitz mit der Frage auseinander, wie Erziehung einen Beitrag zum Kampf um eine befreite Gesellschaft leisten kann. Ausgehend von der Prämisse, dass die zeitgenössische Erziehung die bürgerliche Hegemonie stützt und gesellschaftlichen Fortschritt sabotiert, entwarf er eine Systematik sozialistischer Erziehung.

Anhand einzelner Texte von Kanitz, Max Adler und Antonio Gramsci soll die Frage diskutiert werden, welche Ansätze für eine zeitgemäße gegenhegemoniale Erziehung brauchbar sein könnten.

9) 05.07.12 – M.A. Katharina Volk (Arbeitsstelle Gender Studies, Gießen)

Feministische Ideen zwischen Utopie und Wirklichkeit

Die Emanzipation der Frau zu erreichen, ist seit jeher ein Ziel des Feminismus; Frauen sollen als politische und gleichberechtigte Subjekte an gesellschaftlichen Prozessen partizipieren können. Aber wie und mit welchen Mitteln kann Emanzipation erreicht werden? Sind wir emanzipiert, wenn wir glauben emanzipiert sein? Oder sind wir emanzipiert, wenn wir uns von den Verhältnissen befreit haben, die uns daran hindern, emanzipiert zu sein? Diese Fragen werden u.a. von sozialistischen und radikalen Feministinnen bearbeitet, deren Emanzipationsgedanke vom Willen zur Veränderung geleitet wird.

Vortrag Katharina Volk

19) 12.07.12

Abschließendes Kolloquium

Was ist „kritische“ Wissenschaft? Ist Wissenschaft denn nicht immer kritisch? Falls nein, was sind ihre Gütekriterien? Gibt es ein Wesen des Menschen, und wenn ja, welche Bedeutung hat dies für die Forderung nach Freiheit? – Solche Fragen liegen der Ringvorlesung zugrunde. Wir wollen abschließend mit organisierten Studierenden unterschiedlicher Gruppen diskutieren, und ausgehend von deren Input sowie einzelnen Vorträgen der Vorlesung gemeinsam Antworten erarbeiten. Das Kolloquium soll daher gleichermaßen die Ergebnisse der Vorlesung zusammenfassen, als auch die Offenheit des Diskurses aufzeigen und bewahren.